Von der Römerzeit bis zur Gegenwart - die über 2000jährige Geschichte Kastels.

Museum Castellum

Die Fundamente des einst größten römischen Ehrenbogen nördlich der Alpen.

Röm. Ehrenbogen

Der Beruf des Flößers wurde in Kastel über 400 Jahre lang ausgeübt.

Flößerzimmer

Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Berthold von Henneberg ließ 1497 den Wartturm erbauen.

Erbenheimer Warte

Es ist schon eine gute Tradition geworden, dass die Gesellschaft für Heimatgeschichte Kastel (GHK) Gertraud Lindemann anlässlich der AKK-Kulturtage zu einer Lesung ins Museum Castellum einlädt. Natürlich in der Sprache ihrer Herkunft, der Mundart der „Ginsemer“. Die verstehen aber auch die Bewohner rechts und links des Rheins und Mains. Und so waren wieder zahlreiche Zuhörer ins Museum gekommen, um den hei-teren und manchmal auch nachdenklichen Geschichten zu lauschen, welche die Mundartautorin zum Besten gab.
Mit ihrer Familiengeschichte eröffnete sie Einblicke in die geschichtliche Entwicklung ihrer Familie seit Urgroßvaters Zeiten, der als Schiffsmüller und später als Dampfmüller in Ginsheim tätig war. Mehrere Generationen ihrer männlichen Vorfahren waren in diesem Gewerbe erfolgreich und sorgte für das Auskommen der Familien. Ihr Dasein verdankt sie allerdings der Tatsache, dass der Vater nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich noch einen Stammhalter haben wollte. Während des Krieges waren bereits ihre beiden Schwestern zur Welt gekommen, doch für den Müllerbetrieb sollte es noch männlichen Nachwuchs geben. Daraus wurde jedoch nichts. Als das Kind (damals noch als Hausgeburt, was meist üblich war) das Licht der Welt erblickt hatte, konnte der gegenüber wohnende und arbeitende Nachbar, ein Schmied, nicht umhin, dem etwas enttäuschten Vater sein „herzliches Beileid“ auszu-sprechen.
 
lindemann 01Doch die Liebe ihrer Eltern zu allen Kindern hörte man aus ihrer Schilderungen deut-lich heraus. Ihre Beschreibung des Alltagslebens und vor allem der Wochenenden, rief bei vielen Zuhörern, besonders der älteren Generation, manches in Erinnerung und man hörte schmunzelnd von den Vorbereitungen für die Sonntage. Die Frauen gingen samstags zu Friseur um sich eine Wasserwelle legen zu lassen, wobei vorher aber noch rasch ein Kuchen für den Sonntagnachmittagskaffee gebacken wurde. Mittags gab es immer Suppe, das ging schneller, war man der Meinung. Dann wurde in großen Mengen heißes Wasser bereitet, um die Kinder in einer großen Waschbütte, von der Kleinsten über die Großen, bis hin zum Vater darin zu baden. Der Vater badete immer ohne Zuschauer. Am Ende rief er immer nach der Mutter, die die frische Leibwäsche schon bereitgelegt hatte.
 
Für die Kinder war der Sonntag immer langweilig. Der Besuch des morgendlichen Gottesdienstes war Pflicht. Mit den extra angezogenen Sonntagskleidern durfte man nicht, wie an den Werktagen üblich, spielen oder herumtollen. Die Männer gingen nach dem Kirchgang in die „Wertschaft“ zum Frühschoppen. Mancher musste dann am Mittag von dort zum Essen abgeholt werden, damit der Sonntagsfrieden gewahrt blieb. Sonntags gab es immer Suppe, Braten als Hauptgericht und Nachtisch. Der Nachmittag verging mit Spaziergängen mit den Eltern durch den Ort oder die Gemar-kung, oder man besuchte die Verwandtschaft. Älteren Kindern bot sich Abwechslung mit Kinobesuchen, die für fünfzig Pfennige Eintritt erschwinglich waren. Abends gab es dann zum Abendessen für fünf Personen als besondere Zutat eine Flasche Limo aus dem benachbarten Lokal.
 
Ein Thema ihrer Lesung beschäftigte sich mit den sozialen Gegeben- und Gepflogen-heiten in früherer Zeit. Bereits in der Zeit der Pubertät wurden nur Andeutungen über die zukünftigen Beziehungen zu jungen Männern gemacht. Aufklärung nach heutigen Maßstäben gab es kaum. Verhütungsmöglichkeiten wurden nur durch Erwähnen von ominösen Automaten beim Friseur angedeutet. Das Leben in einem Dorf bedeutete auch Tratsch und Gerede über den Umgang mit dem anderen Geschlecht. Die Müt-ter warnten vor frühen Beziehungen oder unschicklichem Benehmen. Wer als junger Mann „ins Haus kommen“ durfte, war bereits auf dem besten Wege, verlobt oder verheiratet zu werden. Gab es für die Jungen klare Verhaltensregeln, so galt das auch für das fortgeschrittene Alter. Wie eine Witwe zu leben und sich zu kleiden hatte, wurde geradezu kodexhaft beäugt und kommentiert. Die Zeiten der „Volltrauer“, der „Halb-trauer“ und sonstige Gepflogenheiten waren einzuhalten. Auch sagte man frühen Witwen nach, dass jetzt ihr „Leben erst eigentlich richtig beginge“, und unterstellte ihnen „Glücksgefühle“ jetzt endlich verwitwet zu sein.
 
Ein weiteres Kapitel ihrer Schilderungen waren die Familienfeste. Größere Geschenke gab es nur an den wichtigen Festen, wie Konfirmation, Kommunion oder Hochzeiten. Aus heutiger Sicht würde man damit kaum noch jemand erfreuen können. Wer konnte als Kind oder Heranwachsender etwas mit Sammeltassen, die evtl. noch mit Pralinen gefüllt waren (wenigstens), etwas anfangen. Bereits mit der Konfirmation begann man bei den Mädchen für die Aussteuer zu sorgen. Dass die Autorin nach ihrer Hochzeit am Ende neun Chromargan-Butterdosen und vier Salatbestecke ihr Eigen nennen konnte, ließ sie nicht gerade jubeln. So schilderte sie auch die Gepflogenheiten in den Nachbardörfern. Dort gab es den Brauch, bei den Hochzeiten die Aussteuer öffentlich auszustellen um zu zeigen, was man für einen „Hausstand“ besaß.
 
Am Ende berichtete sie noch über diverse Erlebnisse auf Reisen nach Großbritannien und Tansania. Als Lehrerin nahm sie an Besuchen in der Partnerschule in England teil, und schilderte das Zusammentreffen mit dortigen Kollegen. In der Annahme, der besonders freundliche Empfang und das von ihrem Gastgeber vorbereitete Candle-Light-Dinner, seien Annäherungsversuche des britischen Kollegen, waren unbegründet. Denn es stellte sich heraus, dass der Kollege dem eigenen Geschlecht zugewandt war. Alle Befürchtungen eines amourösen Abenteuers waren also „falscher Alarm“.
 
Noch abenteuerlicher war die Erzählung einer Reise nach Afrika. Trotz schärfster Bewachung des Gepäcks bei der Einreise war es einem Einheimischen gelungen, die Leica-Kamera aus ihrem Rucksack zu entwenden. Bei der Rückfahrt stellte sich ihr ein vermeintlicher Helfer vor, der ihr versicherte, die Kamera gegen Zahlung von 30 Dollar wiederbeschaffen zu können. In gutem Glauben wurde bezahlt, aber der „Beschaffer“ blieb verschwunden. Nun suchte man sein Heil bei der Polizei. Und tatsächlich war die Kamera bei örtlichen Polizeirevier gelandet. Der „Chief“ persönlich händigte den Apparat aus, und mit freudigen Umarmungen wurde ihm gedankt. Doch hatte dieser offenbar einen mehr persönlichen Dank erwartet. So entfloh man rasch aus dem Re-vier und entschwand mit dem Reisebus aus dem Dunstkreis einer doch offenbar „korrupten“ Polizeigewalt, wie im Revier aus dem Nebenraum hörbar war. So ging dieses Abenteuer doch glimpflich aus.
 
Der Abend endete mit einem gemeinsam gesungenen Kanon vom „Bruder Jakob“ als eine Erinnerung an die eigene Schulzeit. Es war wieder eine rundum gelungene Lesung, die spannende Geschichten, heitere und ernste Begebenheiten unterhaltsam einem dankbaren Publikum dargeboten wurden. Erster Vorsitzender Karl-Heinz Kues dankte Gertraud Lindemann mit einem Geschenk für den tollen Abend, und lud sie erneut für eine weitere Lesung in das Museum Castellum ein. Langanhaltender Beifall war der Dank des Publikums an die Autorin.
 
Text: Peter Muttke | Bilder: Karl-Heinz Kues

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