Von der Römerzeit bis zur Gegenwart - die über 2000jährige Geschichte Kastels.

Museum Castellum

Die Fundamente des einst größten römischen Ehrenbogen nördlich der Alpen.

Röm. Ehrenbogen

Der Beruf des Flößers wurde in Kastel über 400 Jahre lang ausgeübt.

Flößerzimmer

Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Berthold von Henneberg ließ 1497 den Wartturm erbauen.

Erbenheimer Warte

Im Rahmen der AKK-Kulturtage hatte die Gesellschaft für Heimatgeschichte Kastel die Mundartdichterin Gertraud Lindemann zu einer Lesung im Museum Castellum zu Gast. Coronabedingt verfolgten nur 30 erlaubte Gäste die spannenden und amüsanten Geschichten und Anekdoten der ehemaligen Lehrerin, die sie unter den Titel „Gekreckst werd net“ in der Mundart ihres Geburtsortes Ginsheim gekonnt vortrug. Erstmals waren dabei auch Berichte ihres Vaters, die dieser vor rund 100 Jahren erlebt und aufgeschrieben hatte. Damals natürlich in Hochdeutsch, was aber dem Spannungsbogen keinen Abbruch tat.

So handelte die erste Geschichte von ihren Erlebnissen beim Kinderturnfest in den fünfziger Jahren. Heiß war es gewesen und sie hatte vergessen, ihre Trinkflasche wieder aufzufüllen. Die Trainerin hatte kein Erbarmen. „Wer Dorscht hodd, kann aach schnell laafe“, so lautete ihr Kommentar. Fazit: Beim nächsten Turnfest fuhr sie nicht mehr mit. Weiter ging es mit dem Turnen. Bei den Übungen am Reck verlor einer ihrer Mitstreiter beim trainieren der „Riesenwelle“ den Halt, und flog kopfüber in einen in der Turnhalle stehenden Tisch- und Stuhlstapel, wo er benommen liegenblieb. Doch damals waren andere Zeiten. Nach einer kurzen Erholung ging der wackere Turner wieder ans Reck, um seine Übung zu Ende zu bringen. Wie gesagt: es wurde nicht gekreckst! Heute würde man den Rettungsdienst und den Notarzt bemühen.

Weiter ging es mit der Beschreibung der unterschiedlich bezeichneten „stillen Örtchen“ in ihrem Elternhaus. Dazu gehörte eine Mühle, in der die Müllerburschen und der Müller besagten Ort in der Mühle als „Abee“ (Abort) bezeichneen. Dort wurde auch geschi . . . und gepink . . ., also recht derbe Ausdruckweisen waren an der Tagesordnung. Nicht so im Wohnhaus. Dort nannte man den gleichen Ort „Toilette“ und derbe Ausdrücke für die Notdurft waren verpönt. Es galten also für die gleiche Situation zweierlei Sprachräume. Gesundheitsfragen waren im nächsten Block das Thema. Die Suche nach einer neuen Hausärztin brachte sie zu einer Dame namens Dr. Lutz, bis sich herausstellte, dass die Ärztin eine Nachfahrin von Besitzer einer ehemaligen Bäckereiaus der Kindheit war. Mit der Beschreibung der damaligen Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung, und dem Warenangebot zog sie gekonnt den Vergleich zu 2 heutigen Verkaufswelt. Welch ein Unterschied. Nur, waren die Leute deshalb weniger zufrieden? Als Beispiel für damalige Behandlung von Erkrankungen diente ihre Mutter. Diese nahm ihr Leben lang täglich immer homöopathische Mittel ein, und wurde über 100 Jahre alt, was sie natürlich auf diese tägliche Praxis zurückführte. Als sie mit 94 Jahren einen Fahrradunfall hatte und kurzzeitig in Krankenhaus kam, überzeugte sie die Ärzte mit ihrer privaten Heilkunst. Heiße Wickel, Rollkuren bei Magenverstimmungen und Teekuren bei Durchfall waren die „Waffen“ der betagten Dame. Welch ein Unterschied zu heute. Die Konfirmation war schon damals für junge Menschen ein besonderes Ereignis. Man trat sozusagen vom Jugend- in den Erwachsenenstand ein. Die Kleiderwahl war auch da schon von Wichtigkeit. Aber richtete sich nach den herrschenden Konventionen. Dunkles Kostüm mit weißer Bluse für die Mädchen, dunkler Anzug und weißes Hemd mit Krawatte für Jungen ließen da wenig Spielraum. Hauptsache man war dabei. Beim Auswendiglernen von Liedern, pauken der Bibel und des Katechismus‘ war auch das Kirchenlied „Lobet den Herren“ dabei. In der Liedzeile heißt es da: „kommet zuhauf“, was die Leserin damals als heimliche Werbung für eine Bäckerei gleichen Namens in Ginsheim interpretierte. Für Aufregung sorgten damals die sogenannten „Kercheschnerres“. Das waren strenggläubige Herren, die auf die kirchliche Ordnung und den Lebenswandel einen Blick warfen, und wegen ihrer Gewohnheit einen Schnurrbart zu tragen den besagten Spitznamen erhielten.

In ihrem späteren Leben als Lehrerin gab sie einen Einblick in ihre Innovation, Kindern einen besonderen Unterricht zu bieten. Im Kochkurs kam sie auf die
Idee, mit den Schülern einen Holundersaft zu gewinnen. Man begab sich also zu einer Sammelaktion in die Gemarkung, wo man auch reichlich fündig wurde. Die Holunderzweige wurden in Plastiktüten gepackt, die leider nicht alle wasserdicht waren. So rann der Saft auf dem Rückweg heraus, und entsprechend färbte sich nun die Kleidung der Schüler. Sie hörte schon im Geiste die Beschwerden der Eltern. Doch es kam noch schlimmer. Mit dem Versuch, die Beeren zu entsaften, wurde die Schulküche derart in Mitleidenschaft gezogen, dass sie die Hilfe des Hausmeisters benötigte, um die Küche wieder als auf Hochglanz zu bringen. Der Versuch, selbst gemachten Holundersaft zu produzieren, war damit grandios gescheitert. Ihr Fazit: nie wieder versuchen! Nach diesem in Mundart vorgetragen Abschnitt der Lesung folgten nun die Geschichten ihres Vaters vor rund 100 Jahren. Themen waren die Inflation bis 1923, in der von einem Tag auf dem anderen der Geldwert mehr verfiel, und ein Schulheft eine Billion Reichsmark kosten sollte. Mit der Umstellung auf die 3 Rentenmark kostete nun ein Schreibheft für Schüler 10 Goldpfennige. Das waraber am Stichtag der Einführung nur wenigen Menschen in Deutschland bekannt. So stand ihr Vater ratlos in einem Schreibwarengeschäft und konnte besagtes Heft nicht erwerben. Für damalige Schüler eine Katastrophe. In der gleichen Zeit der Besetzung des Rheinlandes durch die französische Besatzungsmacht kam es zu einem ausgedehnten Streik der Arbeiter im Rheinland.Die Franzosen machten kurzen Prozess, und wiesen die Streikteilnehmer aus ihren Wohngebieten aus. Darauf kam es zu einem Boykott der öffentlichen Verkehrsmittel durch die Bevölkerung. Nur, wie wollte man nun reisen? Pferdefuhrwerke, Fahrräder und nur motorisierte Verkehrsmittel standen zur Verfügung. Um den Besuch der Schule zu ermöglichen, entschied man sich für die Anschaffung eines Fahrrades. Das Erlernen dieser Kunst erforderte einige Trainingsstunden, die dann auch tapfer und erfolgreich absolviert wurden. Eine lebensnotwendige Frage war die jährliche Beschaffungsaktion für den Holzvorrat im Winter. Hierzu brauchte man einen Leseschein der Forstverwaltung. Bei der Holzversteigerung bekam man einen Lagerplatz zugewiesen, auf dem schon geschlagenes Holz lag, das man dann abtransportieren konnte. Wenig Ortskundige suchten oft lange nach diesen Plätzen, bevor sie ihr Holz mittels Pferdewagen nach Hause befördern konnten. Doch damit war die Arbeit nicht beendet, denn weitere umfangreiche Tätigkeiten wie die Holzzerkleinerung und stapeln in einem trockenen Schuppen waren vonnöten, um den Bedarf für den Winterbrennstoff zu gewährleisten. Kaum noch vorstellbar für jene, die heute nur die Heizung aufdrehen müssen, um mollige Wärme genießen zu können.

Langanhaltender Beifall belohnte Gertraud Lindemann für die 14 Geschichten und Anekdoten die sie vortrug. In ihrer Zugabe gab sei noch einen Einblick in eine Begebenheit im Zug nach Frankfurt. In einem Abteil traf sie auf eine Rockergruppe, die sie argwöhnisch bemerkte. Als weitere angetrunkene Personen das Abteil betraten und einer dieser Gruppe ihr zu nahekam und sie bedrängte, trat auf ihre Bitte hin einer der Rocker auf den Plan und wies den Rüpel mit Hilfe eines Klappmessers zur Räson. Diese boten ihr dann noch ihren Schutz an. Ihr Fazit: Engel sehen nicht immer so aus, wie man sie sich vorstellt. Der 1. Vorsitzende der GHK, Karl-Heinz Kues, dankte im Namen der Besucher für den launigen und unterhaltsamen Abend und überreichte Gertraud Lindemann ein Präsent als Dankeschön. Die Autorin kündigte an, in naher Zukunft ein weiteres Buch aus ihrer Reihe der Mundartgeschichte zu verlegen.

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